Trocken unter Wasser

Allgemein
// 8 März 2011
Taucherglocke-27

Ich arbeite ja immer unter Hochdruck, aber dieses Mal ganz besonders. Ich habe einen Ort besucht, der nicht ganz ungefährlich ist und an dem sich nicht jeder aufhalten kann, denn dort herrscht höherer Luftdruck: Eine Taucherglocke.

Das Taucherglockenschiff „Carl Straat“  ist einzigartig in ganz Europa: Trockenen Fußes kann man von Bord aus bis zu zehn Meter tief unter der Wasseroberfläche auf die Fluss-Sohle steigen. In der Taucherglocke herrscht Überdruck, das ist nicht ganz ohne Risiko für die Gesundheit. Doch ich konnte eine Tauch-Tauglichkeitsbescheinigung vorweisen und durfte bei Rhein-Kilometer 738, in der Nähe von Düsseldorf, mit absteigen in sechs Meter Tiefe.

Wenn am Boden eines Flusses Hindernisse entdeckt werden, die eine Gefahr für Schiffe bedeuten, wenn Brücken- und Uferbefestigungen, Schleusen und Wehre überprüft werden müssen oder der Flussboden untersucht werden soll, rückt es aus: Das Taucherglockenschiff „TGS Carl Straat“ des Wasser- und Schifffahrtsamtes Duisburg-Rhein. Es macht möglich, im Trockenen an Wasserbauwerken oder an Fluss- und Kanalbetten zu arbeiten. Dazu wird eine Taucherglocke auf den Grund des Gewässers herabgelassen, mit Überdruck wird das Wasser aus der Glocke gepumpt, und Arbeitskräfte können durch ein Schachtrohr hinabsteigen und trockenen Fußes auf dem Flussboden arbeiten.

Die Arbeit in der Tauchglocke ist gesundheitlich sehr belastend: Es herrschen höherer Luftdruck und fast 100% Luftfeuchtigkeit, durch die großen Lampen ist es warm, und die Maschinen, mit denen vor Ort gearbeitet wird, machen in der Stahlkammer erheblichen Lärm.
Vor einem Monat wurde hier bei Rhein-Kilometer 738 Gesteinsmaterial aufgeschüttet; diese sogenannte Geschiebezugabe sollte die Flusssohle stabilisieren. Denn der Ausbau der Rhein-Nebenflüsse hat dazu geführt, dass immer weniger Steine und Sand in den Rhein gespült werden, dessen Wassermassen jedoch mit unveränderter Kraft Richtung Nordsee strömen, sodass der Flussboden stärker abgetragen wird. Ein bis zwei Zentimeter Erosion pro Jahr ist gewöhnlich, doch an einigen Stellen im Niederrhein wurden bis zu fünf Zentimeter Bodenverlust pro Jahr festgestellt. Diese Abtragung wollen die Ingenieure und Wissenschaftler aufhalten, denn sie führt einerseits dazu, dass irgendwann die Schiffe auf dem Rhein nicht mehr in die Häfen und Kanäle einlaufen können, da die fixierten Einfahrten zu hoch liegen, und andererseits führen immer tiefer sinkende Grundwasserstände dazu, dass die Pflanzen- und Tierwelt an den Rheinufern bedroht wird.

In einer Druckschleuse werden wir, Ingenieure, Schiffsarbeiter und ich, an den höheren Luftdruck in der Taucherglocke angepasst. Er ist gerade so hoch, dass er das Wasser auch in sechs Metern Tiefe aus der Taucherglocke drängt: 0,6 bar über dem normalen Atmosphärenluftdruck. Über eine Treppe geht es dann durch eine Metallröhre nach unten.

Die Taucherglocke ist eine 4×6 Meter große Metallkammer ohne Fußboden. Solange sie noch nicht auf der Fluss-Sohle aufgesetzt ist, kann man am Boden den Rhein mit 1-2 Metern pro Sekunde vorbeiströmen sehen. Die Ingenieure lassen eine Sonde ins Wasser, mit der sie den Boden und die Strömung filmen und vermessen um herauszufinden, wie sehr sich der Boden, der später untersucht werden soll, durch das Aufsetzen der Glocke an der Oberfläche verändert. Etwaige Störungen durch die Taucherglocke wollen sie später herausrechnen.

Sobald die Glocke aufsetzt, sich einige Handbreit tief in den Boden gräbt und das Wasser wegdrückt, kann man trockenen Fußes auf der Fluss-Sohle stehen. Die Arbeiter machen sich sofort ans Werk: Sie schaufeln einige Säcke der obersten Bodenschicht ab, um sie später zu analysieren, und treiben eine Gefrierlanze in den Untergrund, durch die flüssiger Stickstoff strömt. Nach einer halben Stunde ist der Boden in der Umgebung so stark angefroren, dass er als starre Säule herausgezogen werden kann. An dem Bohrkern können die Wissenschaftler der Bundesanstalt für Wasserbau ablesen, wie das Gestein im ersten Meter der obersten Bodenschicht zusammengesetzt und geschichtet ist. Diese Werte fließen dann in Computermodelle ein, mit deren Hilfe die Wissenschaftler wie bei der Wettervorhersage die Veränderung der Flusssohle – sowohl durch natürliche Prozesse als auch durch menschliche Eingriffe – prognostizieren wollen.

Die Arbeiten vor Ort sind Routine für die Schiffsbesatzung. Schnell werden die Bodenproben in die Druckschleuse getragen, und das Schiff legt ab zum nächsten Einsatzort. Die Carl Straat ist seit ihrem Baujahr 1963 mit einem vollen Terminkalender auf Rhein und Mosel unterwegs – Bodenuntersuchungen, Aufräumarbeiten, Verankerung von Bojen, Einsätze an Brückenbefestigungen und alles, was unter Wasser im Trockenen erledigt werden muss. Die Mitarbeiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes Duisburg-Rhein sind stolz: In ganz Europa kennen sie kein vergleichbares Schiff.

08.03.2011
Serie „Die Durchblicker – Wissensreportagen von der Ostsee bis zum Bodensee“
BR 2, NDR Info, SWR 2, WDR 5