Betrunken am Steuer

Allgemein
// 14 Februar 2013
FahrsimAlkohol-12

Sich morgens um 10 Uhr betrinken und dann ans Steuer setzen – das ist anstrengender als gedacht. Psychologen der Bundesanstalt für Straßenwesen erforschen in einer Studie, wie Menschen Auto fahren, wenn sie Alkohol getrunken haben, und für „Die Durchblicker“ wage ich den Selbstversuch und nehme als Proband teil.

Den Psychologen geht es bei dieser Untersuchung allerdings nicht um die Wirkung des Alkohols, sondern um etwas anderes: Autofahrer müssen gut sehen und hören und in Bruchteilen von Sekunden reagieren können, doch viele Medikamente machen müde, verschlechtern das Sehen oder verlängern die Reaktionszeit – von Schmerzmitteln und Hustenblockern über Augentropfen bis hin zu Mittel gegen Reiseübelkeit oder hohen Blutdruck. Um in Zukunft genauer untersuchen zu können, wie verschiedene Medikamente das Fahrverhalten beeinflussen, brauchen die Wissenschaftler einen Vergleich, und den liefert Alkohol: Denn das Trinken von Bier, Wein oder Schnaps bringt ebenfalls Beeinträchtigungen mit sich, ähnlich vielen Medikamenten, doch im Fall von Alkohol sind sie bereits gut erforscht und können bewertet werden – beispielsweise steigt das Unfallrisiko bei einem Blutalkoholspiegel von 0,5 Promille etwa auf das Doppelte im Vergleich zu einer nüchternen Fahrt.

Um für spätere Studien Vergleichsdaten zu haben, lassen sie Probanden jetzt unter Alkoholeinfluss fahren, allerdings in einem Fahrsimulator, denn alle Versuche müssen nicht nur sicher und ungefährlich sein, sondern auch unter einheitlichen, wiederholbaren Bedingungen stattfinden.

Der Fahrsimulator der Bundesanstalt für Straßenwesen ist ein dunkler Raum, in dessen Mitte ein einfaches PKW-Modell aufgebaut ist: Probanden können auf einem Fahrersitz mit Lenkrad und Pedalen Platz nehmen und durch den Rahmen einer Windschutzscheibe über ein kleines Stück Motorhaube auf Leinwände blicken, die das gesamte Blickfeld ausfüllen und eine Landschaft zeigen. Die Landschaft wird von mehreren Computern im Nebenraum berechnet, und sie verändert sich, je nachdem, wie die Probanden Gas geben, bremsen oder das Lenkrad bewegen; dazu vibriert der Sitz, und ein 3D-Soundsystem spielt realistische Fahrgeräusche ab.

Der Versuch beginnt um 10 Uhr morgens. Psychologe Markus Schumacher und sein Team haben die Menge an Alkohol berechnet, die ich trinken muss, um ungefähr auf 0,8 Promille Blutalkoholgehalt zu kommen. Für jeden Menschen sind dies andere Mengen, die von Körpergewicht, Alter, Geschlecht, Größe und zahlreichen anderen individuellen Faktoren abhängen. Nach vier anstrengenden Gläsern Wodka mit Orangensaft, die ich innerhalb einer knappen halben Stunde trinken muss, habe ich reichlich gute Laune und eine unsaubere Aussprache. Die Wissenschaftler überprüfen mit einem Messgerät den Blutalkohol (einem Gerät, das auch die Polizei für Alkoholkontrollen nutzt), und der Versuch kann beginnen.

Ich muss durch verschiedene Landschaften fahren – eine belebte Innenstadt, eine volle Autobahn und im Dunkeln über eine eintönige Landstraße – und merke dabei, dass ich nicht ganz so souverän fahre wie sonst: Beim Überqueren einer Kreuzung bin ich unsicher und lasse mir zu viel Zeit, und das Einfädeln auf die Autobahn wird ein halsbrecherisches Manöver.

Nach 60 Minuten ist der Versuch beendet, und ich darf erschöpft aussteigen. Das Urteil von Psychologe Markus Schumacher ist kritisch: Beim Überqueren der Kreuzung habe ich beinahe einen von rechts kommenden Wagen gerammt, selten die Spur gehalten und auf der Autobahn zu wenig Sicherheitsabstand eingehalten. Die gesamte Fahrt wurde in allen Einzelheiten aufgezeichnet und wird helfen, in zukünftigen Studien zu beurteilen, wie stark verschiedene Medikamente das Fahrvermögen beeinträchtigen.

14.02.2013
Serie „Die Durchblicker – Wissensreportagen von der Ostsee bis zum Bodensee“
BR 2, NDR Info, SWR 2, WDR 5